Hintergründe zum Sommerkongress von Fridays For Future in Dortmund

Ich war für euch live vor Ort auf dem Sommerkongress von Fridays For Future in Dortmund (31.07.-04.08.2019) und habe mir für euch angeschaut, was da so abging. Die eingefangenen Eindrücke (darunter auch viele Bilder und Videos) habe ich hier für euch zusammengefasst:

Für die Durchreisenden hier kurz und knackig die Facts2go zum Sommerkongress:

 

+++  Es wurde extra eine WG zur Organisation in Dortmund gegründet – mit durchgehend 10-30 Schüler*innen und Student*innen 

+++  Auf der 5-tägigen Veranstaltung gab es u.a. 6 Podiumsdiskussionen, über 150 Workshops, Vernetzungstreffen und eine Groß-Demo mit über 20 Einzelaktionen in der Dortmunder Innenstadt

+++ Es haben rund 1.500 Schüler*innen und Student*innen an dem Sommerkongress teilgenommen (anmelden konnten sich Schüler*innen und Student*innen bis 28 Jahre).

+++ Der Teilnehmenden-Beitrag wurde solidarisch verteilt (jeder nach seinen Möglichkeiten) 

+++ Die Teilnehmer*innen übernachteten in Zelten (47 Großzelte und etliche Kleinzelte) auf dem Kongressgelände 

+++ Der Kongress fand IN DEN SCHULFERIEN statt 

+++ Der Kongress wurde KLIMANEUTRAL organisiert 

+++ Rund 100 Schüler*innen und Student*innen halfen auf dem Sommerkongress und sorgten für einen reibungslosen Ablauf der Veranstaltung 

+++ Die Ziele des Sommerkongresses: Bildung zum Thema Klimakrise/Klimapolitik, sich untereinander kennenlernen, Strategien entwickeln, Vorbereitung auf den Generalstreik am 20.09. mit ALLEN (nicht nur Schüler*innen und Student*innen)

Für die Fleißigen hier der ausführliche Bericht zum Sommerkongress und den Hintergründen:

Es ist Donnerstag, der 1. August 2019, 13:45 Uhr. Ich betrete den Revierpark Wischlingen, den Ort, an dem gerade der Sommerkongress von Fridays For Future stattfindet. Der Sommerkongress ist bereits seit gestern am Laufen, doch da gestern „nur“ das Arrivalprogramm stattfand, komme ich erst heute an, werde dafür aber die kommenden drei Tage des Sommerkongresses begleiten. Ich habe Zeitdruck, denn die Bahn hatte – Überraschung – Verspätung und die ersten Podiumsdiskussionen und Workshops fangen um 14 Uhr an. Ich muss mich noch im Pressezelt akkreditieren, habe noch keinen Workshop-Plan und muss mich noch auf dem Gelände orientieren – ich habe Zweifel, ob ich das schaffe. Ich schaue etwas fragend auf einen Lageplan, der mir vorab zugeschickt wurde, doch sofort spricht mich eine junge Dame an und fragt, ob sie mir helfen könne. Sie zeigt mir den Weg zum Pressezelt, wo mich ein Team von Organisator*innen empfängt, mich in wenigen Sekunden akkreditiert, mir den Workshop-Plan zeigt und klar strukturiert die wichtigsten Infos in 2 Minuten erklärt. Absolut reibungslos! Ich habe es geschafft, ich bin pünktlich. Ich entscheide mich für die Podiumsdiskussion „Klimaschutz – alles Aufgabe der Politik?“ Gäste sind u.a. Pia Jorks, Vorsitzende von Klimadelegation e.V. und Vertreterin einer Jugenddelegation bei den letzten Klimakonferenzen der Vereinten Nationen sowie die Umweltaktivistin Indigo, die durch die Besetzung des Hambacher Forsts im letzten Jahr bekannt geworden ist und die Verkehrsforscherin Anne Klein-Hitpaß von der Agora Verkehrswende. Bereits zu Beginn wird bei der Frage, ob Klimaschutz eher Aufgabe der Politik oder Aufgabe jedes Einzelnen sei, deutlich, dass beide Sichtweisen bei Fridays For Future vertreten sind:

Verkehrsforscherin Anne Klein-Hitpaß bezeichnet den Klimaschutz dabei als „klassische Aufgabe der Politik“. In der Diskussion und auf der ganzen Veranstaltung wird deutlich: Ein Schwarz-Weiß-Denken im Sinne von entweder/oder gibt es hier nicht. Es geht nicht darum, nur mit dem Finger auf die Politik zu zeigen. Nein, man will auch mit gutem Beispiel voran gehen – und das tut man auch. Der Kongress ist klimaneutral organisiert: Die mobilen Toiletten sind mit Sägespänen statt mit Chemie gefüllt, Papiertücher für die Hände sucht man selbst auf den Toiletten in den Gebäuden vergeblich. Stattdessen sind Handtücher ausgelegt. Am Kiosk werden ausschließlich (meist regionale) Bio-Produkte verkauft, für die es keine Festpreise, sondern lediglich Preisempfehlungen gibt. Jede/r kann nach seinen Möglichkeiten entscheiden, was er für die Produkte zahlen möchte. Die Essensversorgung ist ausschließlich vegan. Die benötigten unverpackten Lebensmittel sind dabei teilweise gekauft, teilweise gespendet und teilweise vor dem Wegwerfen gerettet. Auf Plastik wird verzichtet, wo immer es irgendwie möglich ist. Generell sucht man herumliegenden Müll auf dem Kongressgelände vergeblich. Sein Besteck wäscht jeder selber in eingerichteten Spül-Stationen mit Wasserkanistern zur Vorwäsche, Hauptwäsche und Nachwäsche. Anregungen zu ökologisch sinnvollen Alternativen, über die man vielleicht noch nie in seinem Leben nachgedacht hat, bekommt man quasi „to go“ an jeder Ecke. Apropos „to go“: Seinen Cappuccino mit Hafermilch bekommt man hier gegen Pfand in sogenannten „Recups“ unter dem Credo „return. reuse. recycle“.

Aber zurück zur Podiumsdiskussion: Nach einer intensiven Diskussion haben die Teilnehmer*innen die Möglichkeit, ihre ganz persönlichen Fragen an die Podiums-Redner*innen zu stellen. So geht es bspw. noch um die Fragen, inwiefern Flugreisen von FFF-Vertreter*innen zu UN-Klimakonferenzen legitim wären oder inwiefern die Erreichung des 1,5 Grad-Ziels aus dem Pariser Klimaabkommen noch realistisch ist:

Die Ergebnisse der Podiumsdiskussionen werden dabei von Profi-Grafikern simultan visualisiert (auch graphic recording genannt), also während der Veranstaltung auf einer großen Leinwand festgehalten. Das sieht in diesem Falle dann so aus:

5. Graphic-Recording

Nach der Podiumsdiskussion geht es für mich weiter zur Aktionsvorbereitung auf der großen Freilichtbühne, denn am morgigen Freitag ist eine koordinierte Demo durch die Dortmunder Innenstadt mit allen Kongressteilnehmer*innen geplant. Ich erfahre, dass neben der gemeinsamen Groß-Demo auch noch 20 Kleingruppen-Aktionen vor verschiedenen Unternehmen in der Stadt geplant sind – darunter beispielsweise DM, Decathlon, Karstadt und einige Banken. Als die Gruppenaktionen vorgestellt werden, wird klar, dass hier nicht an Kreativität gespart wurde. Vor einer Bank soll bspw. mitten auf dem Asphalt Blumenerde aufgeschüttet und etliche Blumen gepflanzt werden – gespendet von Blumenläden, die die Blumen sonst ohnehin weggeworfen hätten.

6. Aktionsplanung

Freitag, 9 Uhr am Hauptbahnhof Dortmund. Vor der Kulisse des deutschen Fußball-Museums sitzen bereits hunderte Kongress-Teilnehmer*innen mit unzähligen Fahnen und Plakaten auf dem Bahnhofsvorplatz. Immer wieder stimmt eine/r der Gruppe eine der zahlreichen Parolen an, der Rest brüllt es aus voller Kehle nach. „Kohlekonzerne baggern in der Ferne, zerstören uns’re Umwelt – nur für ein Batzen Geld“. Aus dem Bahnhofseingang strömen immer wieder weitere FFFler und schließen sich der immer größer werdenden Gruppe an, denn die Kongressteilnehmer mussten sich aufgrund der hohen Personenanzahl auf mehrere S-Bahnen aufteilen. Als der letzte Schub aus dem Haupteingang herausströmt, erhebt sich plötzlich die Gruppe, läuft den anderen entgegen und setzt sich an einer Fußgängerampel mitten auf die große Straße. Es kommt zum Sitzstreik. Spontan und ungeplant, wie sich herausstellt. Der Startschuss! „Gib mir ein S. Gib mir ein U. Gib mir ein V. Was ist das? – SCHEIßE!“. Schnell werden die ersten Autofahrer*innen unruhig, doch die Aktion dauert auch nur rund eine Minute. Dann setzt sich die Menge Richtung Innenstadt in Bewegung. „What do we want? – CLIMATE JUSTICE! When do we want it? – NOW!”. Nach einem Marsch von ca. 10 Minuten versammelt sich der Protestmarsch vor der St. Petri-Kirche. Begleitet von weiteren Parolen heizt die Musik-Gruppe Brass Riot mit Schlagzeuger und Saxophon den jungen Protestler*innen ordentlich ein und sorgt für ein regelrechtes Stimmungshoch.

Mitten in dieses Stimmungshoch mischt sich jedoch auch eine vehemente Gegenstimme. Ein älterer Herr läuft aufgebracht und wild gestikulierend durch die Menge und brüllt : „Das hatten wir 1970 auch schon. So ein Unsinn!“. Die Demo-Teilnehmer*innen bleiben jedoch cool, sagen Dinge wie „Darüber gibt es unterschiedliche Ansichten“ oder „das ist Ihre Meinung, die Wissenschaft sieht das anders“ und setzen ihren Demo-Zug unbeirrt fort. Mit „Lauti“, wie die Demontrant*innen ihren Lautsprecher-Wagen nennen, geht es mit Liedern wie „Fäuste hoch“ von Irie Révolté oder „Wind of change“ von den Scorpions durch die Dortmunder Innenstadt, über eine abgesperrte, viel befahrene Straße bis hin zu einem Platz, an dem sich die Gruppe noch einmal versammelt.

Es gibt Reden und Plädoyers von FFFler*innen, aber auch eine Vertreterin von Scientists for Future – Laura Herzog, Politikwissenschaftlerin mit dem Fokus auf Umweltpolitik und Wassermanagement – hält eine Rede, in der sie wissenschaftliche Fakten präsentiert und ihren Dank an die Bewegung zum Ausdruck bringt: „Was ihr bewegt und möglich macht und was ihr in so vielen Ländern angestoßen habt, ist phenomenal und verdient unser aller Respekt und Bewunderung“. Die Organisation des Sommerkongresses sei zudem „absolut genial und großartig“. Nach den Reden finden sich die Kleingruppen zusammen, die am Vortag ihre jeweiligen Aktionen geplant haben und teilen sich in sogenannten „Tentakeln“ in alle möglichen Himmelsrichtungen auf, um vor den verschiedensten Unternehmen ihre Aktionen durchzuführen. Ich begleite zuerst die „Fisch“-Aktion im DM und anschließend die „Fahrrad“-Aktion vor dem Decathlon.

Nach insgesamt über drei Stunden ist die Demo dann vorbei. Schnell wieder hoch auf’s Kongressgelände in der viel zu überfüllten U-Bahn, schnell auf dem Weg was gegessen und weiter geht’s mit den nächsten Workshop-Angeboten und Podiumsdiskussionen. Ich besuche die Podiumsdiskussion „We Spoke! Act Now!“, in der die Forderungen von Fridays For Future noch einmal thematisiert und diskutiert werden und führe danach noch ein Interview mit Sascha Grieme, dem ehemaligen Ortsgruppenleiter von Mainz, der auch bereits an einem runden Tisch mit Vertretern von Fridays For Future und Bundestagsabgeordneten der fünf Fraktionen teilgenommen hat. Sascha Grieme ist bereits seit den Anfängen von Fridays For Future dabei und hat auch schon auf einer Diskussion zwischen Vertreter*innen der Fraktionen des Bundestages sowie Vertreter*innen von Fridays For Future teilgenommen. Sebastians Eindruck von der Diskussion? „Ich denke, es ist noch einmal dramatisch klar geworden, dass keine Partei ein Konzept hat, das 1,5 Grad-Ziel einzuhalten. Dass es zwar Unterschiede zwischen den Parteien gibt, dass sie aber massiv nachschärfen müssen, um eine Politik machen zu können, die auch nur ansatzweise mit einer Politik vereinbar ist, die sie uns versprochen haben. Das Bild, das ich derzeit gerade von den großen Parteien habe, ist, dass sich viele Politiker*innen nicht mit dem Thema Klima auseinandergesetzt haben, dass viele Politiker*innen keine Ahnung haben, wie groß die Bedrohung ist und dass viele Politiker*innen keine Ahnung haben, wie sie darauf reagieren sollten. Das ist inakzeptabel, weil es das größte Problem unserer Zeit ist und da sollte jetzt mit Höchstdruck dran gearbeitet werden – und zwar am 1,5-Grad-Ziel und nicht an irgendwelchen Symbol-Maßnahmen“. Wer sich selbst einen Eindruck von der Diskussion machen möchte, die auch von Phoenix live übertragen wurde, findet hier den Link:

Samstag, 03.08. Es ist bereits der dritte und letzte Tag, an dem ich den Sommerkongress begleite – auch wenn der Kongress noch bis Sonntag geht. Wie auch in den vergangenen beiden Tagen ist ab 9 Uhr morgens der Tag wieder voll mit Programm: Neben drei Workshop-Phasen (insgesamt werden auf dem Sommerkongress über 150 Workshops zu verschiedensten Themen rund um die Themen Ökologie und Klimaschutz, aber auch Argumentationstrainings, Social Media-Trainings o.ä. angeboten) gibt es weitere drei Podiums-Diskussionen sowie Vernetzungstreffen, bei denen sich die FFF-Vertreter*innen aus den verschiedenen Bundesländern kennenlernen, koordinieren und austauschen können. Ich besuche u.a. den Workshop „Klimawandel und Ernährung“, an dem knapp 30 junge FFFler*innen teilnehmen, erfahre bei einer Geländeführung interessante Details über die Planung und Finanzierung des Kongresses, sehe den (auch am dritten Kongresstag noch auffallend sauberen) Zeltplatz, auf dem die 1.500 Kongressteilnehmer*innen schlafen, spreche noch mit einigen Kongressteilnehmer*innen und führe ein Interview mit einem der Hauptorganisator*innen des Sommerkongresses, Jakob Blasel. Dabei erfahre ich u.a., dass die jungen Organisator*innen extra für die Organisation des Sommerkongresses eine WG gegründet haben, in der konstant 10-30 Organisator*innen und Helfer*innen über zwei Monate hinweg rund um die Uhr den Kongress geplant haben. Zum kompletten Interview geht es hier (Kleiner Spoiler: Ist sehr interessant und lesenswert ;)).

Danach ist der Sommerkongress für mich persönlich beendet, auch wenn der Kongress noch bis Sonntagabend geht, denn mein Zug zurück nach Mainz fährt bereits heute Abend!

Mein Fazit: Obwohl ich nur 3 der 5 Tage des Sommerkongresses miterlebt habe, kann ich sagen: Ich bin platt – platt von den vielen Eindrücken, platt von den vielen Programmpunkten, dem vielen Hin- und Her-Gelaufe, den viel zu kurzen Mittagspausen, in denen ich aus Angst, etwas Interessantes zu verpassen fast immer nur auf dem Weg zum nächsten Programmpunkt gegessen habe, platt von dem vielen Input. Zudem bin ich beeindruckt – beeindruckt von dem reibungslosen Ablauf der Veranstaltung, beeindruckt von der perfekten Organisation und Kommunikation der Organisator*innen untereinander, beeindruckt von so viel Engagement junger Menschen für ihre (und unser aller) Zukunft in ihren Schul- oder Semesterferien. Meine Sommerferien sahen zu meiner Schulzeit entspannter aus. Doch hier macht eine Generation klar und unmissverständlich deutlich, dass es ihr ernst ist und sie bereit ist, für ihre Zukunft und ein Umdenken in der Gesellschaft und in der Politik zu kämpfen – sei es in oder außerhalb der Ferien. Denn hier ist das Motto: „Sommerkongress statt Urlaub auf Malle“.  

Übrigens: Demnächst wird es bei PB2go auch noch mehr Infos, Artikel und Videos zu den Themen Ökologie, Fairer Handel, Nachhaltigkeit und Fridays For Future geben. Falls euch dort ein Thema besonders interessiert oder ihr etwas nicht ganz versteht, schreibt mir gerne eine Mail an s.ruppert@arbeit-und-leben.de. Ich gehe gerne auf eure Wünsche ein! Das Gleiche gilt natürlich auch für andere Themen, die euch auf dem Herzen liegen!

Immer weiter so? Was die Politik aus dem Rezo-Video lernen sollte

Sicher hast auch du es gesehen: Das Video „Die Zerstörung der CDU“ des Youtubers Rezo, welches kurz vor der Europawahl einschlug wie eine Bombe und in sämtlichen Zeitungen, Nachrichtenportalen, Talkshows sowie von vielen Jugendlichen, Youtuberinnen und Youtubern und Politikerinnen und Politikern heiß diskutiert wurde. Falls du es doch noch nicht gesehen haben solltest, hast  du die Gelegenheit, es hier nachzuholen – ist wirklich sehenswert.

Hier auch noch das anschließende „Statement“ von mehr als 90 YouTubern

Die mittlerweile deutlich mehr als  15 Millionen Klicks auf YouTube machen deutlich, dass Rezo mit seinem Video einen Nerv getroffen hat – und zwar vor allem den Nerv vieler junger Menschen, die die Nase gestrichen voll von dem Gefühl haben, dass sie und ihre Interessen von der Politik nicht ernst genommen werden. Die zahlreichen hochnäsigen und (vorsichtig formuliert) wenig wertschätzenden Reaktionen vieler Politikerinnen und Politiker wie bspw. der Tweet von FDP-Chef Christian Lindner  („Ich finde politisches Engagement von Schülerinnen und Schülern toll. Von Kindern und Jugendlichen kann man aber noch nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen. Das ist eine Sache für Profis“) verstärken dieses Gefühl junger Menschen noch zusätzlich. Passt diese Aussage bspw. zu Lindners Wahlplakat mit der Aufschrift „Schulranzen verändern die Welt. Nicht Aktenkoffer“ aus dem Bundestagswahlkampf 2017? Zweifelhaft…

Aussagen wie diese zeigen zudem, dass die Politik (immer noch) nicht verstanden hat: Die Jugend und ihren berechtigten Ärger nicht verstanden hat. Die digitale Welt nicht verstanden hat, dort planlos agiert und diese maßlos unterschätzt. Statt des von der CDU angekündigten Antwort-Videos mit dem erst 26-jährigen CDU-Abgeordneten Philipp Amthor veröffentlichte die CDU ein 11-seitiges PDF-Dokument.

Link zum PDF-Dokument

(Kleine Anekdote: Mir ist es erst nach zahlreichen Versuchen gelungen, bei bester Internet-Verbindung das nicht einmal 700kB große Dokument vom CDU-Server herunterzuladen. Sarkastische Frage: Seid ihr auf dem aktuellsten Stand der Technik, liebe CDU?)

Mal ganz ehrlich: Hast du dir die Mühe gemacht, dir dieses lange Dokument durchzulesen? Ja? Glückwunsch, dann gehörst du vermutlich zu den wenigen besonders interessierten Einzelexemplaren. Nein? Mehr als verständlich. Ein Antwort-Video hättest du dir wohl eher angeschaut, oder?

Glaubt die CDU denn ernsthaft, dass sie so im 21. Jahrhundert jungen Menschen auf ihre Anliegen antworten kann und sie somit erreicht? Für Ihre desolate Reaktion musste die CDU viel Häme einstecken. Hierfür ein Beispiel aus der heute Show (haben wahrscheinlich deutlich mehr junge Menschen gesehen als die Antwort der CDU):

Zwar steht in diesem Falle vor allem die CDU im Kreuzfeuer der Kritik, letztlich kann aber fast für alle etablierten politischen Parteien festgestellt werden, dass sie weder den Umgang mit sozialen Netzwerken beherrschen, noch jungen Menschen glaubhaft das Gefühl vermitteln können, ihre Interessen und Bedürfnisse ernst zu nehmen und sich für sie einzusetzen. Dies wird auch in folgendem Artikel der Welt deutlich:

Welt-Artikel „Nur eine Partei beherrscht das Netz wirklich“

Es wird Zeit, dass die etablierten Parteien ENDLICH daraus lernen, sich im digitalen Raum professioneller aufzustellen und authentischer aufzutreten. Einen nichtssagenden und sperrig formulierten Tweet in die Welt zu setzen, wie es aktuell bei vielen Politikerinnen und Politikern in Mode gekommen ist, nur um auf einer Social-Media-Plattform Präsenz zu zeigen, kann dabei nicht ausreichen. So lange die Politik das nicht begreift, gibt sie populistisch und antidemokratisch ausgerichteten Parteien wie der AfD in diesem Bereich einen unverantwortlichen Vorsprung, mit zwar inhaltsleeren Parolen, dafür aber technisch durchaus clever auf Wählerfang zu gehen. Wenn eine ganze Generation – egal, ob jung oder alt – zunehmend das Gefühl bekommt, von der Politik nicht ernst genommen, gehört und verstanden zu werden (ein weiteres Beispiel hierzu ist die Debatte um Artikel 13), ist das langfristig eine ernsthafte Gefahr für unsere so hart erkämpfte Demokratie. Zudem wollen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen mehr Taten – vor allem im Bereich Klimaschutz – sehen und sind auch bereit, dies vehement einzufordern. Dies drückt sich aktuell vor allem in den Fridays for Future-Streiks aus. Auch ein Postengeschacher wie nach der Europawahl ist da wenig förderlich und führt zu einer noch größeren Politikverdrossenheit.

Es gilt für die Politik: Mehr handeln, anstatt immer nur darüber zu reden! Und: Die Interessen der jungen Menschen endlich ernster zu nehmen – auch wenn sie verhältnismäßig nur einen kleinen Teil der Wählerstimmen ausmacht. Sie sind die Zukunft dieses Landes und haben ein Recht darauf, ihre eigene Zukunft mitzugestalten!

Weitere Artikel und Links zu dem Thema:

Artikel FAZ „Er nervt, weil er muss“

Philipp Amthor vs. Kevin Kühnert über Rezo, Sozialismus, Wohnungsnot. Warum haben die jungen Wähler nicht das Gefühl, bei Volksparteien richtig aufgehoben zu sein?
Mr.Wissen2go zu der Frage, warum die Interessen der jungen Generation(en) von der Politik häufig so vernachlässigt werden
Wenn du wissen möchtest, welche Auswirkungen das Rezo-Video auf den Ausgang der Europawahl hatte, schau dir dieses Video an

„Was ist da eigentlich los in der EU“? oder „Wofür sind wir eigentlich wählen gegangen“?

In deiner Heimatstadt wird alle 5 Jahre ein kleines Zelt mitten auf dem Marktplatz aufgebaut. Du hast davon gehört, dass dort wohl etwas entschieden wird. Eigentlich hast du gar nicht so große Lust, dorthin zu gehen, da du nicht das Gefühl hast, wirklich etwas zu verpassen. Du weißt, dass in der Vergangenheit auch von deinen Freunden nur relativ wenige dorthin gegangen sind. Doch dieses Jahr ist es anders. An jeder Ecke wird darüber geredet, wie wichtig es ist, dorthin zu kommen. Auch in deinem Freundeskreis. Auf dem Heimweg von einem Kumpel kommst du an einer der zahlreichen Werbesäulen vorbei, auf dem dir ein Plakat mit dem überdimensional großen Gesicht eines Mannes mit einer Glatze ins Auge fällt. Darauf steht: Neuer Fußballplatz oder neue Turnhalle? Wenn du kicken willst, komm am 26. Mai vorbei und stimme für mich, ich (Benjamin Ball) setze mich dafür ein. Als du weiter gehst, siehst du an der nächsten Ecke ein Plakat mit dem Gesicht eines anderen Mannes. Dort steht: Wenn du turnen möchtest, komm am 26. Mai vorbei und stimme für mich (Rudolf Reck). Du siehst zwar auf anderen Plakaten auch noch ein paar andere Gesichter, die etwas anderes bauen wollen als die beiden, aber im Prinzip reden die Leute fast nur über Benjamin Ball und Rudolf Reck. Du entschließt dich, über deinen Schatten zu springen und hinzugehen. Tatsächlich sind viel mehr Leute gekommen als vor 5 Jahren. Es gibt eine Abstimmung, Benjamin Ball bekommt die meisten Stimmen. Dann kommt eine Frau namens Fridola Fragezeichen auf die Bühne, die du vorher noch auf keinem der Plakate gesehen hast. Du fragst dich: Was macht die da? Wo sind Rudolf Reck und Benjamin Ball? Es gibt eine Durchsage: „Danke, dass ihr gekommen seid und gewählt habt, aber die Organisator*innen konnten sich weder auf Benjamin Ball noch auf Rudolf Reck einigen. Wir entscheiden uns jetzt für Fridola Fragezeichen, die ist super“. Die Menschen in der Menge gucken sich verdutzt an. Du fragst dich, warum du überhaupt gekommen bist. Du scheinst nicht der Einzige zu sein, der sich diese Frage stellt…

So oder so ähnlich geht es aktuell vielen Menschen, die am 26. Mai 2019 zur Europawahl gegangen sind. Im Vorfeld der Wahl ging es eigentlich immer um die Frage, ob Frans Timmermans, der Spitzenkandidat der Sozialdemokraten oder Manfred Weber, der Spitzenkandidat der Konservativen, Präsident der europäischen Kommission wird. Gut sieben Wochen nach der Wahl ist nun klar: Es wird keiner von beiden, obwohl die Fraktion um Manfred Weber die stärkste im Europäischen Parlament ist. Stattdessen soll nun auf einmal Ursula von der Leyen (aktuell Verteidigungsministerin der Bundesrepublik Deutschland) Kommissionspräsidentin werden. Doch wie ist das überhaupt möglich, obwohl sie vorher gar nicht als Spitzenkandidatin zur Wahl stand?

Zunächst muss man dazu wissen, dass wir Europäer*innen die Zusammensetzung des Europäischen Parlaments, gewissermaßen den europäischen Bundestag, gewählt haben.

Nähere Infos zu der neuen Zusammensetzung des Europäischen Parlaments nach der Europawahl bekommt ihr in folgendem Video:

Nähere Infos zur Wahl bekommt ihr hier:

Dieses von uns Europäer*innen am 26. Mai 2019 gewählte Parlament wählt wiederum den Kommissionspräsidenten bzw. die Kommissionspräsidentin (also gewissermaßen den EU-Regierungschef), der wiederum erst von den 28 Regierungschefs der EU-Mitgliedsländer, die den Europäischen Rat bilden, vorgeschlagen wird. Dies ist eigentlich immer einer der Spitzenkandidaten der beiden stärksten Fraktionen des Parlaments – in diesem Fall wäre das also entweder der Deutsche Manfred Weber von den Konservativen (stärkste Fraktion) oder der Niederländer Frans Timmermans von den Sozialdemokraten (zweitstärkste Fraktion) gewesen. Der Europäische Rat konnte sich jedoch auch nach tage- und nächtelangen Verhandlungen nicht auf einen der beiden Spitzenkandidaten einigen. Frans Timmermans wurde bspw. von Polen, Ungarn, der Slowakei und Tschechien nicht mitgetragen. Ursula von der Leyen wurde hingegen abgesehen von der Enthaltung Deutschlands letztlich von allen europäischen Staats- und Regierungschefs nominiert.

Die SPD hat allerdings bereits angekündigt, die Nominierung nicht mitzutragen, da sie nicht als Spitzenkandidatin aufgestellt war.  Dies könnte wiederum auch Auswirkungen auf die deutsche große Koalition haben, welche an diesem Streit sogar zerbrechen könnte. Dies waren die Reaktionen auf die Nominierung von Ursula von der Leyen:

Tagesschau-Video „Reaktionen auf die Nominierung von Ursula von der Leyen“

Reaktionen auf die Nominierung von der Leyens ab 2:27 min.:

Wenn es allein  um die Eignung von Ursula von der Leyen als Kommissionspräsidentin geht, sind sich die meisten Politikwissenschaftler*innen und Expert*innen weitestgehend einig, dass von der Leyen eine gute Wahl wäre.  Positiv werden ihr dabei vor allem ihre Regierungserfahrung, ihre exzellenten Sprachkenntnisse (spicht fließend Englisch und Französisch) sowie ihre körperliche Fitness angerechnet. Zudem gilt sie als „Europäerin von ganzem Herzen“ und ist, da sie als Verteidigungsministerin der Bundesrepublik bereits viel in Brüssel ist, bereits in vielen wichtigen europäischen Themen drin. Dennoch ist das Signal, keine der gehandelten Spitzenkandidaten für das Amt des EU-Kommissionspräsidenten bzw. der EU-Kommissionspräsidentin zu nominieren, ein gefährliches  für die Demokratie und die dieses Jahr so hohe Wahlbeteiligung. Es vermittelt zahlreichen Wählinnen und Wählern Gefühl: „Was wir wählen, ist egal, die machen eh, was sie wollen“. Es begünstigt somit Politikverdrossenheit bzw. Partei- und Politikerverdrossenheit, welche nicht zuletzt in dem viel diskutierten Rezo-Video zum Ausdruck gebracht wurde. Bei all dem Ärger vergessen jedoch viele, dass sie durch die Wahl des Europäischen Parlaments dennoch maßgeblich mitentschieden haben, wie die Zukunft Europas aussehen soll und es auch in Zukunft nicht weniger wichtig sein wird, bei Wahlen seine Stimme abzugeben.

 

Falls ihr wissen wollt, was passiert,  wenn auch Ursula von der Leyen nicht vom Europäischen Parlament gewählt wird:

und

Tagesschau-Artikel „Eine Wahl mit Folgen“

Weitere Links und Artikel zu dem Thema:

Politikwissenschaftler Prof. Volker Kronenberg zur Eignung der Personalie von der Leyen (ab 2:20 min.)

Tagesschau-Artikel (mit Video) „Mehrheit sieht von der Leyen kritisch“

Zeit-Artikel über die neue Zusammensetzung des Europäischen Parlaments : „Die neuen Farben Europas“. Welche Fraktionen vertreten die Bürger*innen im neuen Europäischen Parlament? Wir zeigen die Wahlergebnisse aus fast 80.000 Regionen.

Tagesspiegel-Artikel aus dem Prozess zur Nominierung der Kommissionspräsidentin durch die 28 Staats- und Regierungschefs

FOCUS-Artikel zur Problematik des EU-Postenpokers

+++ Nachtrag +++: Wie ihr mit Sicherheit schon mitbekommen habt, ist Ursula von der Leyen zwischenzeitlich tatsächlich zur Präsidentin der Europäischen Kommission gewählt worden (am 16. Juni 2019) und ist seit 01. Dezember 2019 als Nachfolgerin des Luxemburgers Jean-Claude Juncker im Amt.

Fake News

Schon mal einen Beitrag bei Facebook oder Twitter gelesen, der so abgefahren war, dass du ihn kaum glauben konntest? Hattest du trotzdem das Bedürfnis, ihn mit deinen Freunden zu teilen? Hast du vorher überprüft, ob da was dran ist? In diesem Artikel geht es darum, wie gefährlich falsche bzw. erfundene Nachrichten (sogenannte Fake News) wirklich sind und welche weitreichenden Folgen sie haben. Außerdem erfährst du, wie du echte und gefakte Nachrichten voneinander unterscheiden kannst.

In Indien wurden kürzlich zwei Männer von anderen Dorfbewohnern gelyncht, in Mexiko zwei Männer von einem wütenden Mob aus einer Polizeistation gezogen und auf offener Straße verbrannt, in Nigeria wurden in einem Konflikt zwischen zwei Volksgruppen durch brutale Racheakte mehrere Menschen getötet. Die Gemeinsamkeit? Immer waren die getöteten Menschen völlig unschuldig. Immer wurden vorher gezielt verheerende Fake News über soziale Netzwerke wie Facebook oder Whatsapp verbreitet, die Hass gegenüber bestimmten Menschen oder Personengruppen schürten, die diese beschuldigten Personen letzten Endes ihr Leben kostete: Kling krass? Ist leider wahr (siehe Links).

Die Erkenntnis? Fake News sind mehr als „nur“ falsche Worte – sie können töten, Leben von Menschen auf andere Weise zerstören, demokratische Wahlen beeinflussen und Gesellschaften grundlegend verändern. Das Erschreckende? Fälle wie diese sind nur die Spitze des Eisberges und keinesfalls fernab von Deutschland. Fake News werden auch hierzulande massiv gezielt über Social Media gestreut, um politische Meinungen und somit Wahlen zu beeinflussen und Stimmung gegen einzelne Personen oder Personengruppen zu machen.

Das Positive? Fake News folgen oft einem ganz bestimmten Muster und sind somit mit ein bisschen Verstand und Wissen gut zu entlarven. Wie das geht? Wir haben ein paar Tipps für Euch gefunden.

Gängige Muster bei Fake News:

  • Staatliche Institutionen/ Politiker/ Parteien/ Personen/ Medien werden beschuldigt, irgendetwas zu vertuschen bzw. die Bevölkerung systematisch zu belügen und betrügen. Somit wird das Vertrauen in diese Institutionen erschüttert und damit auch ins demokratische System.
  • Zweifel sähen an der Glaubwürdigkeit seriöser Quellen und gleichzeitig die eigenen Nachrichten als Enthüllungen preisen. „Wir bringen die Wahrheit ans Licht“.
  • Man zititert in Postings aus seriösen Quellen, reißt sie aber aus dem Zusammenhang. Es wird dann häufig auf die seriösen Quellen verlinkt. Die Fake News bekommen somit einen viel seriöseren Anstrich.
  • Man spielt mit den Ängsten der User: Horrorszenarien werden erstellt, Personen(gruppen) abgewertet etc.
  • Menschenverachtende, verleumderische, hetzerische, beleidigende Kommentare à bekommen häufig die meisten Likes

Hilfreiche Tricks zur Erkennung von Fake News:

  • Google-Bildersuche (Rückwärtssuche): Du lädst das verwendete Foto eines Artikels herunter und lädst es bei der Google-Bildersuche wieder hoch. Somit siehst du, ob das Bild eigentlich aus einem anderen Zusammenhang kommt bzw. schon einmal in einem anderen Kontext verwendet worden ist.
  • Youtube Data Viewer: hier kannst du das Upload-Datum eines Videos herausbekommen
  • Jeffrey’s Exif Viewer: Man kann eine beliebige Foto-/ Video-/ oder Audiodatei herunterladen und bei Jeffrey’s Exif Viewer wieder hochladen. Das Tool spuckt dann die sogenannten Exif-Daten (Meta-Daten) aus – also bspw. Informationen, wann das Foto gemacht wurde, um wieviel Uhr, mit welcher Kamera usw.
  • Wolfram Alpha: Für die ganz ausgefuchsten Spione gibt es die Möglichkeit, für jeden x-beliebigen Tag der Vergangenheit das Wetter gegenzuchecken und zu überprüfen, ob das Wetter bspw. mit dem Wetter auf einem Foto oder Video übereinstimmt oder nicht.
  • Den Absender überprüfen. Gibt es auf den Websiten überhaupt ein Impressum? Oft fehlt ein Impressum bei Quellen von Fake News (Ein Beispiel dafür ist die Seite anonymousnews.ru, die dafür bekannt ist, Falschinformationen zu verbreiten). Wenn es doch eins gibt: Wer steht dahinter?
  • Angegebene Quellen des Artikels prüfen: Gibt es überhaupt welche? Wenn ja, sind diese glaubwürdig?
  • Eine Nachricht verfolgen: Skeptisch werden, wenn es eine wichtige Info nur an einer Stelle gibt. Wenn kein anderes Medium die Nachricht aufgreift, spricht es dafür, dass an der Meldung eventuell nicht ganz so viel dran ist.
  • Plattformen wie mimikama.at, hoaxsearch.com oder snopes.com beschäftigen sich ausschließlich damit, Fake News zu entlarven. Dort könnt ihr gucken, ob ein Beitrag, der euch komisch vorkommt, evtl. sogar schon professionell überprüft worden ist. Ihr könnt diesen Plattformen übrigens auch Beiträge melden, die dann von diesen Plattformen für euch überprüft werden.

Wir haben das Netz nach weiteren guten Videos durchforstet, die aufzeigen, woran Fake News gut zu erkennen sind. Hier kommt der Fake News Check:

Was meinst du? Wie gut kannst du echte und gefakte Nachrichten voneinander unterscheiden? In unserem folgenden Video kannst du dich selbst testen:

 

Inklusion

Schon gewusst…?!? – Facts2Go rund um Inklusion

  • …dass allein in Deutschland ca. 10,2 Millionen Menschen mit Behinderung leben? Das sind ca. 13 % (!!!) der Gesamtbevölkerung!
  • …weltweit rund eine Milliarde Menschen mit Behinderung leben? Das sind ca. 15% der Weltbevölkerung. Damit stellen sie die größte Minderheit auf der Erde dar.
  • (…dass Inklusion ein Menschenrecht ist? In der UN-Behindertenrechtskonvention aus dem Jahre 2006 haben sich mehr als 170 Ländern zur Inklusion bekannt)

Inklusion ist ein Menschenrecht
Wusstest du, dass Inklusion sogar offiziell ein Menschenrecht ist? In der UN-Behindertenrechtskonvention, die 2006 verabschiedet wurde, ist das Recht auf Inklusion festgeschrieben. Die UN-Behindertenrechtskonvention ist ein Vertrag, den außer Deutschland zurzeit noch 170 weitere Nationen unterschrieben und sich somit zu den Zielen dieser Konvention bekannt haben. Doch Deutschland und die anderen Länder müssen noch sehr viel dafür tun, damit der Vertrag eingehalten wird.

©Drobot Dean #204046818/Adobe Stock

Was sind die Kernpunkte der UN-Behindertenrechtskonvention?
Die Länder, welche die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben haben, bekennen sich zu folgenden Zielen:

  • Barrieren abschaffen: In Städten, Gebäuden und bei Transportmitteln, im Internet und in der Sprache
    • Durch behindertengerechte Räume, barrierefreie Internetseiten und die Etablierung von Gebärdensprache, Blindenschrift und Leichter Sprache
  • Selbstbestimmtes Lernen ermöglichen: Keine Eingriffe in persönliche Rechte und Menschenrechte; keine Entmündigungen oder Ausgrenzung von der Gemeinschaft
    • Durch freie Wahl von Wohnart und -ort, Unterstützungsangebote und Assistenzen für ein selbstbestimmtes Leben.
  • Gleiches Recht für alle:
    • Recht auf Bildung und Erziehung – in einer Schule mit Kindern mit und ohne Behinderung
    • Recht auf Arbeit – Menschen mit Behinderung verdienen ihren Lebensunterhalt selbst, in einem offenen, zugänglichen und inklusiven ersten Arbeitsmarkt.

Gibt es positive Beispiele dafür, dass gelungene Inklusion funktionieren kann?
Ja, in den skandinavischen Ländern wie Schweden ist das Bildungssystem beispielsweise schon seit Jahren auf Inklusion ausgerichtet. So besuchen bspw. alle Schüler*innen – ob mit oder ohne Behinderung – die gleiche Grundschule. Es gilt das Prinzip: „Wenn das Kind ein Handicap hat, dann muss die Schule dafür sorgen, dass es trotzdem in diese Schule gehen kann“. Einen Artikel zur Inklusion in Schweden findet ihr unter diesem Link: https://www.sueddeutsche.de/bildung/inklusion-in-schweden-wir-zeigen-unseren-schuelern-wie-die-gesellschaft-ist-1.2313420 .

Ein Beispiel dafür, wie Inklusion auf der Arbeit aussehen kann, könnt ihr euch in folgendem Youtube-Video angucken:

Ein Paradebeispiel für Inklusion im Sport ist bspw. die Sportart Blindenfußball. Falls ihr mehr zu dem spannenden Thema Blindenfußball erfahren wollt, klickt hier: Blindenfußball

Wie kann Inklusion funktionieren?
Nur wenn ganz viele Menschen mitmachen, kann Inklusion wirklich funktionieren. Jeder kann dabei helfen: Zum Beispiel in der Schule, im Sportverein, im Job, in der Freizeit, in der Familie. Je mehr wir über Inklusion wissen, desto weniger Angst haben wir davor. Keiner sagt dann mehr: Das geht nicht.

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Diese Jungs treffen auch blind

Wie geil ist das denn? Serdar Celebi hat vor Kurzem als erster Blindenfußballer das Tor des Monats (August 2018) geschossen. Das gab es noch nie. Wenn ihr dieses Wahnsinns-Tor sehen wollt, das er im Finale um die Deutsche Meisterschaft im Blindenfußball für den FC St. Pauli gegen den MTV Stuttgart geschossen hat, MÜSST ihr euch einfach dieses Video hier anschauen:

Blind Fußball spielen – wie bitte soll das gehen???
Könnt ihr euch vorstellen, blind Fußball zu spielen? Wir konnten es jedenfalls nicht und waren völlig sprachlos, als wir bspw. dieses Video vom Länderspiel Deutschland – Rumänien gesehen haben:

Wie sind die Regeln bzw. was sind die Besonderheiten?

  • Ein Spiel dauert 2x 25 Minuten
  • Das Spielfeld misst 20x40m und ist durch Banden begrenzt
  • Das Tor hat die Maße eines Handballtores (2x3m)
  • Vier Feldspieler, ein Torwart
  • Nur der Torwart sieht das Spielgeschehen, alle Feldspieler sind blind (und tragen zudem noch Augenklappen)
  • Der Ball ist deutlich schwerer als ein normaler Fußball, damit er nicht so springt
  • Der Ball ist mit Rasseln gefüllt, damit die Spieler hören können, wo sich der Ball befindet
  • Alle Spieler tragen zur Sicherheit einen Kopfschutz
  • Auch beim Blindenfußball gibt es Fouls, Strafstöße und Freistöße, sowie auch gelbe und rote Karten, allerdings gibt es kein Abseits.

Beim Spiel ist die sprachliche Kommunikation für die blinden Sportler äußert wichtig. Die Abwehr wird durch den Torhüter unterstützt, das Mittelfeld vom Trainer und die Abwehr vom sogenannten „Guide“, der hinter dem gegnerischen Tor steht. Wird beispielsweise „10-1“ zugerufen, so wissen die blinden Sportler, dass es bis zum Tor noch 10 Meter sind und ein Gegenspieler dazwischen ist.
Enorm wichtig ist aber auch, dass jeder Spieler, der sich dem ballführenden Spieler nähert, das spanische Wort „Voy“ immer wieder laut rufen muss, was übersetzt „ich komme“ heißt.

Schon gewusst…?!? – Facts2Go rund um Blindenfußball

  • Blindenfußball wird schon seit über 20 Jahren in mittlerweile 21 Ländern gespielt
  • Seit 2008 gibt es eine Blindenfußball-Bundesliga, in der jährlich die deutsche Meisterschaft im Blindenfußball ausgetragen wird
  • Der amtierende Meister ist der MTV Stuttgart (2018), Vorjahressieger war der FC St. Pauli (2017), 2016 gewann Blau-Gelb Blista Marburg
  • Der MTV Stuttgart ist mit nunmehr 6 Meistertiteln deutscher Rekordmeister im Blindenfußball
  • Blindenfußball wurde in den letzten Jahren immer populärer und erfährt immer mehr mediale Aufmerksamkeit
  • Die Finals der deutschen Meisterschaft werden fast immer auf öffentlichen Marktplätzen vor mehreren Tausend Zuschauern ausgetragen – dieses Jahr beispielsweise im Herzen der Düsseldorfer Altstadt und 2017 in Halle (Saale)
  • Der Blindenfußball ist mittlerweile über den Bereich „Handicap-Fußball“ an den DFB angegliedert und wird vor allem von der Sepp-Herberger-Stiftung seit Jahren gezielt gefördert. Der Bereich Handicap-Fußball umfasst zudem auch noch Werkstattfußball, Integrative Spielformen, CP-Fußball, Amputierten-Fußball, Gehörlosenfußball, Rollstuhlfußball, Sitzfußball.
  • Serdar Celebi wurde als erster Blindenfußballer in der Sportschau für das Tor des Monats nominiert (August 2018)

Falls ihr eine abgefahrene Challenge von mir gegen die Nationalspieler Mulgheta „Mulle“ Roussom und Alexander Fangmann sehen wollt, schaut dieses Video:

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